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„Praktika Sind Das Beste Instrument Zur Beruflichen Orientierung“

„Praktika sind das beste Instrument zur beruflichen Orientierung“

Im ersten Teil des Interviews äußerte sich Dr. Lukas Kagerbauer (Bereichsleiter der IHK-Würzburg) zum oft schlechten Image der dualen Ausbildung in Deutschland. Im zweiten Teil  erläutert der Ausbildungsexperte Lösungsansätze und Empfehlungen, wie auch kleinere Betriebe wie Brandt Hülsen die Herausforderung des Fachkräftemangels in Zukunft meistern können.

Frage:
Was kann ein Familienbetrieb wie Brandt Hülsen denn machen, um dieses Problem – zu wenig Fachkräfte, zu wenig Azubis – wenigstens im Ansatz in den Griff zu bekommen? Sind Praktika ein solcher Lösungsansatz?

Dr. Kagerbauer: Praktika sind für mich das beste Instrument zur beruflichen Orientierung und wirklich eine gute Maßnahme, junge Leute anzusprechen. Während der Corona-Zeit war es bislang schwer oder fast unmöglich, junge Menschen mittels Praktika an die Betriebe bzw. an eine Berufsausbildung heranzuführen. Praktika auf virtueller Ebene sind schwierig, ebenso Messen. Hier spielt die Emotionalität eine große Rolle.

Was bedeutet das konkret?

Dr. Kagerbauer: Ich meine, Betriebe wie Brandt Hülsen haben hier eine echte Chance! Man hat eine 40-jährige Tradition, allerdings ist die Tradition alleine noch kein Geschäftsmodell. Es geht darum, die Tradition in die Zukunft zu tragen. Arbeitgeber sollten sich bewusst machen: Man muss sichtbarer in der Öffentlichkeit sein, viel mehr als in der Vergangenheit – gerade für Familien und deren Kinder. Zudem: Viele junge Menschen kommunizieren in den sozialen Medien. Es ist ja heutzutage nicht so wie vor 15 oder 20 Jahren, als man eine Stelle ausgeschrieben hat und plötzlich an der Hoftür eine Schlange von Bewerbern stand.

Heute muss sich auch der Arbeitgeber bei den jungen Menschen bewerben. Firmen müssen aufzeigen, warum es attraktiv ist, für sie zu arbeiten? Warum sind sie der richtige Arbeitgeber? Junge Menschen haben zudem ein großes Interesse daran, dass ihre Arbeit einen positiven gesellschaftlichen Beitrag leistet. Ökonomie und Ökologie müssen nämlich nicht im Widerspruch stehen. Auch damit kann man punkten und sollte dies auch sichtbar machen.

„…indem man sich als kleiner Betrieb individuell um junge Leute kümmert“!

Stichwort: Qualifizierung! Wie kann man einem jungen Menschen eine Ausbildung schmackhaft machen?

Dr. Kagerbauer: Indem man sich als kleiner Betrieb ganz individuell um junge Leute kümmert! Wer hat welchen Qualifizierungsbedarf? Wie kann ich den Azubi entwickeln? Das Thema „Lebenslanges Lernen“ wird seine Bedeutung auch in Zukunft nicht verlieren. Hier können auch kleine Betriebe punkten.

Ein sehr erfolgreicher Unternehmer aus Mainfranken zitierte einst gerne folgendes Motto: „Anders agieren als andere“. Sollte man auch mal ungewöhnliche Wege bei den Rekrutierungsverfahren gehen?

Dr. Kagerbauer: Ich meine, man muss nicht immer anders agieren. Die Art der Rekrutierung muss freilich auch zur Firma passen! Zugleich sollte in der Tat die Bereitschaft vorhanden sein, immer wieder mal neue Wege zu gehen und auch neue Rahmenbedingungen zu akzeptieren. Die Mechanismen, mit denen man heute mittels digitaler Kommunikation junge Leute anspricht, funktionieren anders als vor zehn Jahren. TV-Werbung funktioniert anders als Radio-Werbung, Werbung auf Social Media wiederum anders.

Zudem: Man sollte sich vorher klarmachen, wie die Leute auf welcher Plattform unterwegs sind. Man kann durchaus Social Media Kanäle nutzen, um die eigene Arbeitgebermarke zu pflegen, um zu zeigen, was man macht und welche Themen der Firma wichtig sind. Auch das trägt zur Attraktivität und zur Sichtbarkeit der Firma bei.

„Umso wichtiger ist die Mundpropaganda von Beschäftigten“

Was halten Sie davon, wenn Firmenleiter oder Personalleiter direkt Schulen angehen, um für Praktika zu werben?

Dr. Kagerbauer: So was muss man individuell mit der Schule abstimmen. Ich empfehle auf Messen präsent zu sein, um Kontakte zu jungen Menschen zu knüpfen. Und sich mit eigenen jungen Leuten zu präsentieren! Gerade im ländlichen Raum ist Folgendes wichtig: Man hört oft, wie eine Firma „tickt“, was dort passiert. Umso wichtiger ist die Mundpropaganda von Beschäftigten nach draußen. Die Unternehmenskultur spielt eine tragende Rolle. Ideal ist es, wenn Mitarbeiter authentisch erklären, warum man gerne für das eigene Unternehmen arbeitet. Solche Argumente sind genauso wichtig wie der Einsatz Neuer Medien oder die Teilnahme an Messen!

Gibt es etwas, was Betriebe von sich aus noch tun können, um Mitarbeiter von morgen schon heute für sich interessant zu machen…?

Dr. Kagerbauer: Was ich gerne empfehle: Kleinere Betriebe wie Brandt Hülsen, die eine bestimmte Nische besetzen, können auch von einer guten Ausbildung, dem Angebot zu einer Weiterqualifizierung und individuellen Entwicklungsplänen für ihre Mitarbeiter profitieren. Die lebenslange Bildung ist und bleibt ein wichtiges Thema.

„Eine attraktive Region mit hohem Lebensstandard hängt auch von zukunftsfähigen und sicheren Arbeitsplätzen ab!“

Wie wichtig sind Innovationen der Betriebe, um Fachkräfte zu gewinnen und an sich zu binden?

Dr. Kagerbauer: Die Veränderungs- und Innovationsbereitschaft ist wichtig, mit ihr kann man auch die eigene Tradition fortleben lassen. Doch wie schon erwähnt: Alleine die Tradition zu pflegen, reicht nicht aus. Ich glaube, dass die Digitalisierung gerade für Firmen im ländlichen Raum eine große Chance sein kann. Eine attraktive Region mit hohem Lebensstandard hängt stets auch von zukunftsfähigen und sicheren Arbeitsplätzen ab!

Was halten Sie davon, ältere Mitarbeiter aus dem Ruhestand vorübergehend als Teilzeit-Kräfte zu rekrutieren?

Dr. Kagerbauer: Das wird oft vergessen! Der Anteil der älteren Beschäftigten, die Interesse an einer Teilzeit-Tätigkeit bekunden – nach dem offiziellen Eintritt in den Ruhestand ist größer als man denkt. In dieser Altersgruppe schlummert viel Potenzial, welches man durchaus nutzen kann. Und auch Frauen können nach Elternzeit und anderen Unterbrechungen ihr wertvolles Wissen aus meiner Sicht noch viel stärker einbringen – hierzu bedarf es aber eine höhere Flexibilisierung und ein gesellschaftliches Umdenken. Hinzu kommt die Inklusion von Menschen mit Handicaps. Hier gibt es richtig gute Einrichtungen, die Beschäftigte mit Behinderungen qualifizieren und an den Arbeitsmarkt heranführen.

Vielen Dank für Ihr Interview!

Das Gespräch führte Stefan Beck, Pressebeck.de

Bild oben: Dr. Lukas Kagerbauer verantwortet den Bereich Berufsausbildung bei der IHK Würzburg-Schweinfurt. Foto: Jonas Blank.

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